Diskussion beim Nordkurier: Wie braun ist Anklamer wirklich?

Artikel aus dem Vorpommern Kurier vom 23.02.2019, Seite 18

Von Thorsten Pifan

Anklam, gefangen im braunen Netzwerk? Ein Bericht des Fernsehmagazins Monitor ließ diesen Eindruck bei vielen Zuschauern aufkommen. Der Nordkurier hatte Stadtvertreter aus Anklam eingeladen, in der Redaktion gemeinsam den Beitrag zu schauen. Im Anschluss entstand eine Diskussion

Christopher Denda (SPD): „Es ist wichtig, dass wir weiter in Anklam investieren. Wenn die Infrastruktur stimmt, wird den Rechten der Nährboden entzogen.“

Anklam. Handwerk und Baugewerbe sind rechts unterwandert, bereits über eine Internetseite demonstrieren die Firmen ihre Verbundenheit. Gastronomie gehört ebenfalls zu diesem Netzwerk, genauso wie ein Szeneladen für Klamotten. So stellt sich Anklam dar – aus Sicht der Filmemacher vom WDR. Zwar ist in Anklam in den vergangenen Jahren viel passiert, die Innenstadt wurde saniert, die Häuser erhielten nicht nur neue Fassaden, sondern sind vielfach komplett neu entstanden. Der Film zeigt die Situation von vor einigen Jahren und den Marktplatz heute.

Im Konferenz-Raum der Nordkurier-Redaktion in Anklam verfolgen die Stadtvertreter Monika Zeretzke (Linke), Sigrun Reese (FDP), Christopher Denda (SPD), Hannes Campe (CDU) sowie Christian Schröder und Bürgervorsteher Andreas Brüsch (beide Initiativen für Anklam, IfA) am Donnerstagabend die Reportage. Anschließend ergreift Denda als Erster das Wort: „Ganz neu ist das Phänomen nicht, die Strukturen der Rechten haben sich lediglich professionalisiert“, analysiert er. Genau das sagen auch die Filmemacher und warnen, dass die Rechten in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Trotz dieses düsteren Ausblicks erhält in dem kurzen Film auch Bürgermeister Michael Galander (IfA) Raum, um seine Stadt vorzustellen und ein Bild davon zu zeichnen, was sich in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Er tritt auf den Rathaus-Balkon und schaut auf die neu entstandenen Straßenzüge rechts und links der Stadtverwaltung. Zu Wort bekommt allerdings auch Michael Andrejewski, Rechtsanwalt und NPD-Stadtvertreter in Anklam.

Bereitwillig bestätigt Andrejewski vor der Kamera die Vermutung der Journalisten, dass die Rechten mit ihren Firmen Geld verdienen und dieses Geld dann der NPD spenden. Und: Je mehr Geld jemand mit seinem Gewerbe verdiene, desto großzügiger fielen die Spenden aus. Bürgervorsteher Brüsch kommentiert: „Nachdem die NPD hier in der Bedeutungslosigkeit verloren gegangen ist und auch keinen Landtagsabgeordneten mehr stellt, hätte er jeden Strohhalm aufgegriffen, um Werbung für sich und seine Sache zu machen.“

Über die Parteigrenzen hinweg sind sich die Politiker einig, dass die Filmemacher in einem Punkt recht haben: Es gibt rechte Gesinnung und auch rechtsradikale Akteure in Anklam. Aber den Extremen, beispielsweise von der NPD, wird das Leben schwer gemacht. Dazu trägt auch das neue Stadtbild von Anklam bei. Einig sind sich die Stadtvertreter auch bei einer Lösungsmöglichkeit: „Wir müssen in Prävention investieren, in die Vereine und die Feuerwehren, auch im Umland von Anklam“, sagt Campe. Die Arbeit, die in den Vereinen gemacht werde, sei sehr wichtig. Sie fange vor allem Jugendliche auf, denen eine Aufgabe und eine Perspektive gegeben werde. Damit seien sie am Ende weniger empfänglich für rechtsradikales Gedankengut.

Beim Fernsehabend in der Redaktion nicht mit dabei war Friedrich Baumgärtner – aus privaten Gründen. Im Gespräch mit dem Nordkurier kommentiert er den Beitrag: „Anklam wurde einmal mehr stigmatisiert, und das ist schlecht. Von den geheimen Mächten, von denen im Film die Rede ist, merke ich im Alltag nichts.“

Bürgervorsteher Brüsch: „Wir kennen unsere Betriebe und wissen häufig, wer dahinter steht.“ – „Genau, aber es gibt ja auch die anderen, die nicht rechts stehen, davon sagt niemand etwas“, ergänzt Reese bedauernd und offenbart damit die Schwäche des Beitrags: Es wird einseitig nach rechts geschaut, der Blick auf die vielen normalen Bürger, die ebenfalls einem Gewerbe nachgehen, bleibt unberücksichtigt. Es gibt die Firmen, deren Inhaber ihre Nähe zu Rechtsradikalismus nicht einmal verheimlichen, aber sie machen zum glück nur einen geringen Teil der Firmen in der Stadt aus, sodass Anklamern am Ende des Tages auch die Wahl bleibt, wohin sie gehen. Monika Zeretzke formuliert es so: „Diese Betriebe sind doch nicht marktbeherrschend!“

Letztlich müsse am eingeschlagenen Weg der Stadt festgehalten werden, finden die Stadtvertreter. Die Aufbauarbeit müsse weitergehen, Schritt für Schritt. Denn „wer in der Prärie alles zerschlägt, muss sich am Ende nicht wundern, dass Braun eine Chance hat“, sagt Monika Zeretzke und setzt damit das Schlusswort in der Runde.

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